] Totentanz [ January 2004

// Christian Klee vs. Sascha Ehrich

Glückwunsch Sascha zum vollbrachten Longplayer. Lange nicht mehr derart unverbrauchten Schwedentod geortet! Muss man eigentlich viel ausmisten, viel selektieren, um ein so ausbalanciertes Mittel zwischen Melodik und Aggression auzutachieren und im Resultat solch ein immenses Niveau zu erreichen?

Zunächst einmal vielen Dank für das Kompliment, es ist immer sehr angenehm zu lesen, dass Hörer ein hohes Niveau in unseren Kompositionen vernehmen. Im Grunde verhält es sich beim Songwriting so, dass wir generell nur sehr wenige, fast nicht zählbare Riffs oder Harmonien verwerfen. Wir bewahren Melodien vielmehr auf, wenn sie an einer bestimmten Stelle nicht passend klingen, um sie dann, zwar vielleicht ein wenig verstaubt, in einem anderen Song möglicherweise passender einzubetten. Die Balance zwischen Melodie und Aggression ist sehr bewusst gewählt, entsteht aber dennoch instinktiv, d.h. wir arbeiten immer an mehreren, sehr unterschiedlichen Songs gleichzeitig, gerade um viele Ideen in variabler Direktion zu selektieren. So unterliegt man keinem Zwang, beiipielsweise nur sehr harmonische Strukturen verwenden zu müssen. Stefan und ich schreiben stilistisch sehr differenziertes Material, wohl auch einer der Hauptgründe, warum sich die Musik variabler entwickeln kann. Das Plazieren von Akustikzwischenspielen fördert zusätzlich den Kontrast zwischen entspannter Ruhe und aufbrausender Brutalität, verstärkt die jeweilige Atmosphäre, rückt aber dennoch beide Gewichte in eine Waage.


Wie präsent ist beim Komponieren die Gefahr musikalische Einflüsse nachzukäuen? Wie schafft Ihr es, eine eigene Linie zu ziehen und diese auch zu halten?

Ein wirkliche Gefahr sehe ich beim Komponieren nicht. Natürlich kommt es ab und an vor, dass man beim Üben unbewusst ein Riff spielt, dass es so oder in leicht abgewandelter Tonart bereits schon einmal gab. Jene Passagen, bei welchen man auch nur im entferntesten selbst denkt, dass es eine Art Kopie sein könnte, wird sofort verworfen. Bei Fragments Of Unbecoming beziehen wir uns auf die konkrete Spielweise, die Atmosphäre jener musikalischen Einflüsse und kreieren unsere eigene Struktur darin. Somit können wir uns stilistisch festlegen, lassen aber dennoch genügend Freiraum für Neues. Meiner Meinung nach kann man auch nur eine eigene Linie ziehen, wenn man sehr selbstkritisch und enthusiastisch mit dem Ziel an eine Komposition geht, etwas nicht bereits gehörtes wiedergeben zu wollen. Dazu kommt unsere festgefahrene Einstellung, dass es einfach nur peinlich ist, als individuelle Band Riffs zu stehlen, um einen unreifen Song fälschlich zu vervollkommnen. Diesen Sinn sehen wir einfach nicht und es ist partiell traurig zu hören, wie viele Bands sich nur allzu gerne bedienen...


Was sind für Dich persönlich die gelungensten, intensivsten Passagen (im Chaos-Mag sprachst Du von identifikationstragenden Schlüsselstellen) auf "Skywards"? Wo steckt am merklichsten etwas unmißverständlich Eigenes drin?

Nicht ganz so einfach zu beantworten, da für mich persönlich jeder Song seine ganz eigene Atmosphäre und auch Geschichte besitzt, zumal die Songs zu sehr unterschiedlichen Schaffensphasen entstanden. Als sehr gelungen empfinde ich den Akustikprolog mit fliessender Überleitung zum ersten Song "The Seventh Sunray Enlights My Pathway", dessen letzte Minute ich sehr ergreifend schön finde - das Finale beinhaltet eine leichte Melancholie und war in dieser Form bis dato noch nicht von uns zu hören. Mit dieser Einlage habe ich eine Form von Melodik gefunden, die mir sehr liegt und welche ich in Zukunft auch noch weiter ausbauen möchte. Der darauffolgende Song "Shapes Of The Pursuers" ist wiederum sehr kompromisslos, hektisch, aber dennoch sehr eingängig und zusätzlich mit einem Akustikschluss versehen. Es ist offensichtlich, dass speziell der stetige Wechsel aus akustischer Wärme und einem konträren Aufbrausen ein unverkennbares Merkmal von Fragments Of Unbecoming ist und sich sehr wahrscheinlich durch alle kommenden Alben wie ein roter Faden ziehen wird. Ein weiterer, favorisierter Song auf "Skywards" ist weiterhin "Entangled Whispers In The Depth". Diese Komposition ist sehr düster auf Disharmonien gebettet, besitzt aber trotzdem sehr straighte Passagen. Speziell der variable Gesang mit geflüsterten Passagen ist hier für meinen Geschmack sehr gelungen. Zuletzt würde ich den Abschlußtrack "Insane Chaosphere" noch hervorheben, da er mit dem aller ersten Riff überhaupt von uns beginnt, dann aber in etwas anspruchsvollere Ebenen abdriftet. Rein spielerisch ist es wohl der komplizierteste Track und besitzt daher für uns einen ganz essentiellen Reiz, d.h. man kann auf "Skywards" sehr gut hören, dass wir nicht nur einen gesonderten Stil, sondern vielmehr eine breite Fläche von Inspirationen verarbeiten wollen. Nicht zu vergessen ist der Sound, der atmosphärisch passend zur Musik einhergeht und einen hohen Wiedererkennungsfaktor birgt. 


Denkst Du, es geriet Euch zum Vorteil, früher noch brutalere Musik gespielt zu haben, einen Horizont über die schwedischen Gemarkungsgrenzen hinaus zu überblicken? Gerade Drummer Ingo spielt, meines Erachtens, so wuchtig und akzentuiert, wie ich es in diesem Untergenre seit Gates of Ishtar nicht mehr vernommen habe und auch der Gesang ist wohltuend variabel.

Es ist niemals ein Nachteil, seine Fähigeiten auf unterschiedlichstem Terrain zu schulen. Wenn ich für mich spreche, so kann ich nur bestätigen, dass ich es ohne meine Vorgängerband wesentlich schwieriger gehabt hätte, was das Schreiben von Songs angeht. Die Vorkentnisse oder das spielerische Verständnis für diese Form der Musik waren für mich essentiell von größter Wichtigkeit. Stefan und Ingo spielen noch immer parallel bei "Veneral Disease" und toben sich dort in einem anderen Stilozean aus, was natürlich die Übung und das Ausbauen der jeweiligen Fertigkeit noch zusätzlich fördert, da die Musik von "Veneral Disease" wesentlich technischer und komplizierter ist. Letztendlich kommt es uns aber nur zugute und speziell was das Drumming angeht, so ist es wohl für Schwedischen Death Metal, wie Du auch sagst, eher im positiven Sinne untypisch.


Du sprachst in einem Interview Deine Skepsis bezüglich allzu euphorischer Kritiken aus. Was Denkst Du, fehlt Euch noch zur Königsklasse? Erkennst Du konkret etwas Improvisationsbedürftiges in Eurem Sound?

Wir sind allesamt sehr selbstkritisch und glauben zu merken, welche Komposition das Zeug zu einem Klassiker hat, oder eben nicht. Wenn ich versuche, "Skywards" im Nachhinein objektiv zu betrachten, so denke ich mit Gewissheit, dass wir unser Potential noch nicht vollends ausgeschöpft haben, d.h. vieles gilt es auszubauen, sei es darin, mehr ergreifende Melodien zu schreiben, die Aggression noch deutlicher auf den Punkt zu bringen, Stile einfließen zu lassen, für die auf "Skywards kein Raum zu sein schien, etc.... Am Sound lässßt sich natürlich auch noch einiges verbessern (die Gitarren müssen auf dem nächsten Album beispielsweise brachialer klingen...) und man zieht aus solchen Erkenntnissen nicht die geringste Form von Missmut, sondern vielmehr Enthusiasmus und Tatendrang, es einfach noch besser zu machen. Was meine Skepsis angeht, so bezieht sich jene zudem auf den heutigen Markt an Rezensionen, von dem man oft den Eindruck hat, es kämen nur geniale, unübertreffliche Alben der Superlative heraus. Ich bekenne mich lieber zur Vorsicht und würde vielen aktuellen Alben alles andere als eine volle Punktzahl geben. Man hat oft den Eindruck, dass Bands positiver rezensiert werden, je bekannter sie sind. Der gravierende Unterschied zwischen einem guten, sehr guten und einem Klassiker-Album ist meist nicht ausreichend transparent. Ob wir uns als Band selbst irgendwann bewusst einer Königsklasse zuordnen, wage ich zu bezweifeln, hierfür sind objektivere Betrachter im Falle dessen zuständig. Eines unserer Ziele könnte sie aber sein....die Zeit wird es zeigen.


Haben es eigentlich die drei Stücke, die Ihr nach eigenen Angaben noch auf Halde hattet, letztlich aufs neue Rundgeschoss geschafft? In unbelassener oder etwa in überarbeiteter Form?

Zwei der drei Stücke haben fast unverändert den Aufsprung geschafft: "On A Scar´s Edge To Infinity" ist wohl auch einer der ältesten Fragments Of Unbecoming-Songs überhaupt. So weit ich mich zurückerinnern kann, wurde hier nicht das kleinste Detail verändert und er erscheint somit in seinem reinen Old-School-Format. Der zweite Song ist "Fear My Hatred" und hier wurden nur der Schluss verändert und ein neues Solo kreiert, da es für uns diesbezüglich als nötig erschien. Den dritten Song haben wir komplett aus dem Set geworfen, da er schlicht in Bezug auf die gesamte Komposition nicht mehr zu unserem Stil passt. Jedoch werden wir die eine oder andere Passage für kommende Kompositionen wieder aufgreifen....darüber sprechen wir dann im nächsten Interview bei Erscheinen der kommenden Scheibe :-)


Als Graphic-Designer hast Du sicherlich erneut das Cover eigenhändig angefertigt und kannst mich demgemäss wohl auch über Intention, Aspekte der Farbgebung, Motiv, Anknüpfung an Text und Musik usw. ins Bild setzen.

Auch wenn es rein farblich nicht zum Vorgänger "Bloodred Tales" passt, so habe ich doch an den Stil in gewisser Weise angeknüpft. Es war für mich von vorneherein offensichtlich, erneut ein monochromatisches Artwork zu machen - da ich mich in jenen Gewässern grafisch sehr wohl fühle. Die Farbe und das letztendliche Motiv richten sich exakt nach dem Titel "Skywards", wenn ich auch gestehen muss, dass sich, wie so oft, das Resultat sehr von meinen anfänglichen Ideen unterscheidet, was aber in keiner Weise heißt, dass ich unzufrieden wäre. Ganz im Gegenteil. Es verhält sich aber oft schwierig, die eigenen Intentionen oder Inspirationen mittels weniger Aphorismen in Worte zu fassen. Dennoch: Primär sollte auf dem Cover die betitelte Himmels-Aufwärtsbewegung deutlich zu erkennen sein. Es geht hierbei um einen Instikt, den Erdboden zu verlassen, ein neue Form von Freiheit zu vernehmen, neue Ebenen zu erklimmen und Licht als solches wahrzunehmen. Aufgrund dessen habe ich auch versucht, viel Licht in das Gesamtartwork einzubetten. Die Grafiken sollten hell, positiv, aber dennoch, bedingt durch kalte Blautöne und das Silber ausreichend kalt wirken. Wichtig war es für mich zudem, kein typisches Death-Metal-Artwork zu machen - mit Sicherheit auch ein innerer Instinkt, sich auf die eine oder andere Weise von der Masse abzutrennen. Die Verbindung zur Musik ist für mich nicht durchgehend transparent, da die Darstellungen teils sehr fließend, teils sehr konträr zur Musik verlaufen. Das Artwork sollte aber in Verbindung zu Musik und Text das Gesamtwerk passend abrunden, sodass alles eine geschlossene Einheit bildet, zumindest dies ist in meinen Augen gelungen.


Verschiedentlich war zu lesen, dass Ihr Euren Liedtexten nur geringfügige Relevanz zuerkennt und doch interessiert mich brennend, was der leidgeplagten Sylphe zwischen Aufgehen und Vergehen widerfährt und ob es inhaltliche Ansätze gibt, die über das offenbar fiktive, mythologisch angehauchte Erzählen hinaus, von Wert sind?

Es ist sicherlich richtig, dass unsere Lyrics keine vergleichbare Relevanz zur Musik haben, dennoch sind sie mittlerweile ein nicht zu verachtender Teil des Gesamtkonzepts. Die "leidgeplagte" Sylphe (über diese Formulierung habe ich wirklich lachen müssen) ist innerhalb des Lyrikflusses mehr eine Art manifeste, emotionale Trägerfigur und ist eigentlich nicht konkret als wahrhaftige Person zu sehen, wenngleich auch manchmal eine Inspiration einer nicht zu nennenden Person hier einfließen mag. Generell haben die Texte eher einen persönlichen Stellenwert für mich und liegen weder Dogmen, noch Mythologien oder sozialer Kritik zu Füssen. Kurz gesagt und wenig ausgeschmückt - es sind (teils verschlüsselte) Erfahrungsdarstellungen.


Mit Veneral Disease und Mortified habt Ihr amerikanische Wurzelenden aufgegriffen, mit Fragments of Unbecoming eine famose Interpretation schwedischer Beizkunst abgeliefert. Warum meinst Du, wurde hierzulande keine ausreichend abgrenzbare Death Metal-Spielart kultiviert? Waren die hiesigen Pioniere wie Morgoth, Torchure, Dark Millenium oder Atrocity zu unbedeutend oder zu sprunghaft, um eine Prägung zu hinterlassen oder ist es wiedermal die Schandmär vom Prophet im eigenen Lande?

Schwer zu sagen, da ich zu jener Zeit, als es wohl darum ging, jene Individualität zu kultivieren, erst anfing, Death Metal zu hören. Unter Garantie ist es auch die unbegrenzte Zahl an schwedischen und amerikanischen Bands, die ganz einfach eine sehr große Dominanz ausstrahlen und einen entsprechend großen Einflussbereich haben. Ich wüsste auch nicht, was man unter einem Begriff wie "German Death Metal" verstehen könnte, da es keinen diesbezüglich beschreibbaren Stil gibt. Hierfür ist es wahrscheinlich auch zu spät?


Soooo, das war's. Danke für's Stillen meines Wissensdurstes. Ich hab' auf Eurer Seite gelesen, daß am 31.1 im Cafe Central eine Release-Party stattfindet, gilt das noch? Hoffentlich, denn die pumpenden Salven meines FoU-Lieblingsstücks, namentlich "Shapes of the pursuers", müssen unbedingt auch live erlitten werden......

Die Release-Party findet in jedem Fall statt und "Shapes Of The Pursuers" wird auf jeden Fall, wie könnte es auch anders sein, gezockt!!!!! Einmal mehr "pumpende Salven" für Dich und damit vielen Dank für das Interview, wir sehen uns in Weinheim.