] Legacy [ January 2004

// Jan Fischer vs. Sascha Ehrich

Tut mir leid wenn ich damit anfange, aber die Musik ist nun mal der wichtigste Bestandteil eines Albums, auch wenn gerade bei euch andere Aspekte wie Gestaltung, Symbolik und künstlerischer Gesamteindruck wesentlich stärker ausgeprägt sind als bei den meisten anderen Bands. Bereits mit eurem selbstproduzierten Mini-Album „Bloodred Tales“ habt ihr klargemacht: ihr seid die schwedischste aller deutschen Metal-Bands. Was Fleshcrawl in Richtung Dismember schaffen, das schaffen FRAGMENTS OF UNBECOMING in Richtung Eucharist, Unanimated oder Sacrilege... Wo siehst du Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede zu genannten Bands?

Wenn es überhaupt Gemeinsamkeiten gibt und es muß sie wohl geben, da diese Anspielung nicht Premiere feiert, dann ist es zum einen der, auf heute bezogene, klangbildliche Anachronismus, welcher uns zehn Jahre in die Vergangenheit in jene Ära plaziert und zum anderen die Leidenschaft für Melodie und ein wohl hörbares Gespühr für prägnant-filigranes Songwriting. Der stetige Wechsel und Ausgleich von Harmonie und Disharmonie, instrumentell, teils melancholischer Ruhe und straight-aggressivem Aufbrausen paßt zudem in jenes skandinavische Bild. Der gravierendste Unterschied ist jedoch eine weitaus brachialere und punktierte Schlagzeuguntermalung, welche partiell sehr untypisch für klassisch-schwedischen Death-Metal ist.


Erwähnenswert sind neben der äußerst melodiebetonten Art eurer Kompositionen vor allem die immer wieder eingestreuten Akustik-Stücke. Die sind zwar auch recht typisch für viele schwedische Death Metal Bands, allerdings findet man auch bei anderen Bands sehr viel dieser akustischen Akzente ('Mesmerized' hat etwas von Blind Guardian). Warum setzt ihr dieses Stilmittel ein?

Jene Instrumentalzwischenspiele sind bewußt im Sinne eines Kontrasts aus Leichtigkeit und Spannung in die Albumstruktur eingeflossen und verstärken die Wirkung aller übrigen Death-Metal-Tracks. Mittlerweile ist diese Form des wiederkehrenden Ruhepols ein unumgänglicher Bestandteil unserer Kompositionen geworden und werden daher auch in Zukunft ihren für uns wichtigen Raum einnehmen. Natürlich gab es ab und an den Gedankenentwurf, mittels eines Projekts ein reines Akustikalbum zu machen. Jedoch käme dies einer ähnlichen Monotonie wie bei einem von erster bis letzter Minute Durchgeblastealbum gleich und so ist wohl die Mixtur der größere Reiz.


Bemerkenswert ist bei all eurer offensichtlichen Liebe zum schwedischen Death Metal der frühen 90er euer Können, modernere und atypische Elemente einzubringen: erwähnt sei Ingos Drumming oder die Leadgitarren in 'Insane Chaosphere', die mich sehr an Bay Area Thrash erinnern. Welche anderen Stile beeinflussen euch, und wie schlagen sie sich in eurer Musik nieder?

Es ist generell nicht unbedingt stilistisch so einfach zu spezifizieren, an welchen Stellen man den einen oder anderen Einfluß hört. Riffs entstehen nie bewußt nach einer stilistischen Richtung, sondern entspringen vielmehr einer Laune oder einer Intuition. Ingo orientiert sich fast ausschließlich im amerikanischen Death-Metal-Dschungel und daher sind die Schlagzeugparts überwiegend reich an gesteigerten Tempi. “Insane Chaosphere” ist unter Garantie der etwas andere Song, da er spielerisch anspruchsvoller ist und etwas konträr zu den restlichen Kompositionen verläuft. Gerade diese Varianz ist aber ein für uns sehr wichtiges musikalisches Elementund zeigt, daß wir uns stilistisch nicht zu sehr festfahren.


Zwei Mitglieder von FOU sind außerdem bei “Venereal Disease” am Start, die derzeit ihr drittes Album eintrümmern. Wie gestaltet sich die Arbeitsteilung aufgrund dieser Doppelbelastung? Wer ist für Komposition und Arrangement verantwortlich?

Für uns war und ist es nie als Doppel”belastung” angesehen worden, sich zweigleisig musikalisch ausleben zu können - jeder tiefergehende Konflikt hätte sonst auch schon längst Entscheidungen über Prioritäten mit sich bringen müssen. Ein gesteigerter Enthusiasmus läßt es hierbei wohl alltäglich werden, immense Zeit in Musik zu investieren. Sowohl bei VD als auch bei FOU ist weiterhin das Gitarristengespann allumfassend für Kompositionen, Riffstrukturen, Melodien und die jeweilige Grundbasis eines Songs zuständig. Letztliche Gesamtarrangements entstehen innerhalb des gesamten Gespanns und erfahrungsgemäß kann nur gemeinsam ein für uns guter Song entstehen.


Nachdem eure Debut-Mini-CD ein klassisch blutroter Rubin (sogar mit Slipcase) bereits ein wahrer Edelstein der CD-Gestaltung im Genre war, legt ihr nun mit Metal Blade im Rücken richtig los und schöpft aus dem Vollen. Was kannst du uns zur Aufmachung von "Skywards" erzählen?

Danke Dir, Jan, für das Kompliment! Stilistisch ist das Artwork die Fortführung von “Bloodred Tales”. Farbgebung und Motivauswahl sind der neuen Albumthematik angepaßt, wenngleich das Cover in seiner Darstellung den Begriff “Skywards” in leicht mystischer Varianz aufgreift. Alle weiteren Grafiken sind in kalten, aber zugleich lichtreichen Blautönen angelegt. Das komplette Booklet ist sehr hell gehalten - ergiebiger Raum für Weißflächen - und wurde erneut durch Silberschattierungen veredelt. Natürlich gibt es auch ein Extra-Slipcase, um alles erneut abzurunden. Möglicherweise ist das Gesamtartwork nicht ganz so genretypisch.


Das künstlerische Gesamtkonzept erschließt sich aus der innigen Verbindung aus Musik, Gestaltung und Texten. Auffällig ist bei euren beiden Covern vor allem die starke Hervorhebung von lebenden Dingen: auf dem Debut war es die in Rot getauchte Melange aus verschiedenen Blättern, Ähren und gar einer Wespe, während es nun in eisblau gehaltene Schmetterlingsschwärme, Augen und Blüten sind. Es ist wohl dem geneigten Käufer der CD überlassen, darin zu erkennen, was er mag, jedoch interessiert mich die Gestaltung in Zusammenhang mit dem Grundthema des sich Erhebens, des Aufsteigens. Was ist der Grundgedanke dahinter?

Das Konzept basiert auf dem Grundgedanken, sich Freiheit als oberstes Gut vorzuhalten. Die Metaphorik des Aufsteigens (der durchgehend umwobenen Sylphe) und Licht als lebensnotwendiges Leitmotiv umreißen darin z.B. das Erschliessen von neuen Ufern, das Gefühl von partieller Unantastbarkeit, eine fortwährende Weiterentwicklung - im Kontrast zu stetigem Platzrotieren, eine auszuprägende Individualität - alles weitere würde den Platz sprengen.


In diesem Zusammenhang fällt mir noch eine Frage ein. Im Spannungsbogen Künstler - Individuum - sich emporheben, was ist eure Auffassung von Freiheit?

Freiheit bedeutet in diesem Fall, seiner Leidenschaft hindernislos und uneingeschränkt nachgehen und kreativ intuitiv walten zu können, gleich, welcher Weg hierbei eingeschlagen wird. Freiheit setzt zwar auch oft eine gewisse Form von Akzeptanz anderer vorraus, sollte aber jene prägnante Note der eigenen Individualität nie formlos überspielen.